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Kapitel Zehn

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Unerwartet

Der Waffenstillstandsvertrag nennt sie neutrale Zonen, eine Formulierung die von der europäischen Botschafterin Rondra Vehtsel geprägt wurde. Gemeint sind die Konfliktzonen, die während des letzten großen Krieges dort entstanden wo sich vorher der Speckgürtel zwischen den großen drei Nationen Orions erstreckte.

Heute liegen durchschnittlich zwanzig Parsecs zwischen den grenzen der großen Drei in denen es außer Hass, Gewalt und Angst nichts gibt. Ursprünglich war angedacht worden, die vom Krieg stark verwüsteten Gegenden großflächig zu evakuieren und so eine Pufferzone zwischen den großen drei zu schaffen, tatsächlich aber war besonders die Konfliktzone zwischen der Europäischen Allianz und der Terranischen Vereinigung stets ein Quell von immer besser ausgearbeiteten Projekten die in gemeinschaftlicher Arbeit versuchten den Menschen zwischen den zwei großen Staaten zu helfen.

Ein paar wenige Ausnahmen dieser Regel gibt es dennoch. Wenige Staaten die sich hinter ihrem Militär verbergen oder unter dem Schutz einer der großen Nationen stehen. Und ganz selten reichen Ausläufer der großen Nationen tief in die Konfliktzonen hinein.
Einer dieser Ausläufer ist der Bezirk Neu Preußen am Rande der Europäischen Allianz. Mitten in einem der breitesten Bereiche der Konfliktzone zwischen der Allianz und der Vereinigung gelegen, ragt der Bezirk Neu Preußen spitz zulaufend tief hinein in die Konfliktzone. Von der terranischen Seite ragt ein ähnlicher Ausläufer etwas weniger tief in die Zone hinein, bis sich beide Gebiete schließlich an einem Punkt treffen. Das System ValParaiso. Nach dem ersten großen Krieg, als die Konfliktzone noch aus dutzenden blühender Nationen bestand, lagen Neu Preußen und die United American Systems als zwei unabhängig Nationen in diesem Gebiet, durch ein paar unbewohnte Systeme voneinander getrennt. Im Laufe der Zeit, kurz vor Beginn des zweiten großen Krieges, begannen beide Nationen schneller und schneller zueinander hin zu expandieren. Grund dafür war damals das heutige Rabenstern System. Rabenstern, ein relativ unbeeindruckendes Binärstern Paar, zeichnete sich durch eine hohe Rohstoffdichte aus, die das System für den Bergbau überaus interessant machte. Mehrere Planeten und dichte Asteroidenringe, voll mit wertvollen Mineralien und Erzen, lockten die beiden Nationen, die damals kaum darauf vorbereitet waren aufeinander zu treffen. Die Führer beider Nationen hofften damals eigentlich mit der Einnahme Rabensterns den jeweiligen Konkurrenten von seinem Vormarsch abbringen zu können. Die Strategie war einfach, jedes System auf dem Weg nach Rabenstern wurde von den jeweiligen Regierungen zur Besiedlung freigegeben und ausgebaut, doch je mehr der Konkurrent vorrückte, desto schneller musste der Vormarsch gehen. Während sich Neu Preußen entschied mit weniger, aber dafür dicht besiedelten Systemen vor zu stoßen, was letztendlich die Keilform des heutigen Bezirkes erklärt, versuchten die UAS die ursprüngliche geplante Anzahl an Systemen zu besiedeln, mussten aber die dafür zur Verfügung stehenden Kolonisten in immer kürzerer Zeit auf immer mehr Planeten aufteilen. Um die Systeme halten und aufbauen zu können wurden mehr und mehr Soldaten mit in die Kolonisationsprojekte eingebunden, was dazu führte das die letzten besiedelten Welten ausschließlich von militärischem Personal und deren Familien besiedelt wurden und somit unbeabsichtigt zu Garnisonswelten wurden.
Neu Preußen gewann das Rennen schließlich und erreichte Rabenstern als erste Fraktion, wenn auch nur durch Glück, die Vorbereitungen der UAS Rabenstern von dem direkt benachbarten ValParaiso aus zu besiedeln scheiterten im ersten Anlauf an einer vom Senat gestellten Verfahrensfrage, ein neu in den Senat gewählter Senator hatte im letzten Moment, angestachelt von der aufgebrachten Bevölkerung, eine Prüfung der Vorgehensweise erreicht. Nun standen sich beide Nationen direkt gegenüber, die entstandene Spannung stand kurz davor sich ernsthaft zu entladen. Die UAS Regierung forderte an den reichen Schätzen Rabensterns beteiligt zu werden, während der Kaiser Neu Preußens verlangte das im Gegenzug keine militärischen Kräfte nach Rabenstern entsandt und die militärische Präsenz in ValParaiso abgebaut würde. Zwei Monate nach der Einrichtung erster neu preußischer Siedlungen in Rabenstern sprangen UAS Militärkräfte in das System um mit Gewalt ihren Anteil einzufordern. Die Verteidigungskräfte Neu Preußens sahen sich einer Übermacht ausgesetzt der sie nichts entgegen zu setzen hatten.
Der Krieg der entbrannte forderte Fast eine Million Menschen fand in den Auseinandersetzungen den Tod bei denen immer wieder orbitale Bombardements gegen zivile Einrichtungen durchgeführt wurden.
Rabenstern wurde von Neu Preußen zurückerobert, bevor ValParaiso unter Neu Preußische Kontrolle fiel. Um den Vormarsch Neu Preußens aufzuhalten wurden das angrenzende System Newark zu einer Festung ausgebaut und die umliegenden Systeme dafür schlicht aufgegeben. Kurz bevor in Newark aber eine weitere große Schlacht geschlagen werden konnte, intervenierten europäische Kräfte. Eine europäische Streitflotte tauchten zwischen den kämpfenden Parteien aus und erzwang eine Waffenruhe die andauerte bis die zivile Bevölkerung Newarks aus dem Krisengebiet evakuiert worden war, anschließend boten die Europäer neutralen Boden für Waffenstillstands- und sogar Friedensverhandlungen an, ein Friedensvertrag kam aber nicht zustande weil die terranische Vereinigung den UAS, im Gegenzug für ihre Souveränität Schutz vor Neu Preußen und der Allianz anboten und sie anschließend in ihre Grenzen eingliederten. Die Terraner forderten daraufhin den Rückzug europäischer und neu preußischer Kräfte, woraufhin Europa Neu Preußen zum Schutz vor, von terranischen Truppen ausgeführten, Vergeltungsschlägen der UAS in seine Grenzen eingliederte.
Die bereits stark angespannten Verhältnisse zwischen Terra und Europa sorgten dafür das die Vereinigung in Folge der Ereignisse einen großen Stützpunkt für seine Flotten in Newark einrichtete. Europa reagierte mit der Errichtung eines Depots in Rabenstern in dem im Anschluss zwei Flottenträger und ihre Verbände stationiert wurden.
Während des zweiten interstellaren Krieges spannte sich die Situation weiter an, während immer mehr Truppen der Vereinigung in Newark stationiert wurden und die Allianz zwangen ihrerseits weitere Truppen in Rabenstern und ValParaiso stationierten. Zuletzt wurde sogar ein Schlachtschiff mit seinem Verband in Rabenstern stationiert. Wochen später endete der zweite große Krieg mit einer Kapitulation des terranischen Admirals Hastings über Presence.

Während des dritten großen Krieges waren es die Europäer die mehr und moderne Schiffe in Rabenstern und ValParaiso stationierten um den Anschein eines Angriffes auf Newark zu erwecken. Die Terraner reagierten wie erwartet und stationierten ihrerseits neue und modernisierte Truppen und Schiffe in Newark um auf die augenscheinliche Bedrohung angemessen reagieren zu können. Nachdem Presence erneut gefallen und europäische Schiffe dich an die äußersten Ausläufer des Trans Aldebaraan Netzwerkes vorgerückt waren endete der dritte große Krieg mit einem Waffenstillstandsabkommen, und einer festgefahrenen Pattsituation in den beiden Grenzsystemen Newark und ValParaiso.



Mark hatte genug gehört und gesehen. Das Museum und dessen Ausstellung waren uninteressant für ihn. Kunstgeschichte die bis weit in die Antike zurückreichte, es war schlicht nur sterbenslangweilig. Er interessierte sich mehr für Merle, doch da sie nichts von ihm wissen wollte war sie für ihn unerreichbar. Eine frustrierende Situation, vor allem wenn man bedachte wie sehr er sich angestrengt hatte um sie zu erobern. Alles vergebens. Da waren natürlich noch seine Kumpels, sowie Hannah und Zandra, doch die beiden waren für ihn fast so uninteressant wie das Museum und die öde Ausstellung, er hatte sie schon zu genüge gehabt. Frustriert von der Trostlosigkeit mit der er sich einmal mehr konfrontiert fühlte schob er nur die Hände in die Hosentaschen und schaltete um, von desinteressiert gelangweilt, auf kreativ. Er arbeitete an einem neuen Lied. Musik war seine große Leidenschaft. Der Kunstgeschichtekurs war nur eine Notlösung gewesen, er brauchte noch ein paar Punkte und hier konnte er ein paar schnelle Punkte geschenkt bekommen, allein dafür das er anwesend war, dafür hatte er das Gefühl sich freiwillig der Folter ausgesetzt zu haben. Müde schlurften seine Glieder mit der Gruppe durch das Museum, während in seinem Geist sich Noten an Noten und Worte zu Versen reihten. Einfach war es unter diesen Umständen nicht, zumal das ständige Gerede des Dozenten ihn ablenkte. Ein paar der Bilder und Skulpturen an denen er in diesem Teil des Museums vorbei kam schienen das Potential zu haben sich auf seine Kreativität positiv auszuwirken, aber an denen eilte der Dozent immer nur mit großen Schritten vorbei um an langweiligem Kram stehen zu bleiben, möglichst immer so das Mark die für ihn spannenden Exponate nicht mehr sehen konnte. Ihm fehlte der Kick für das neue Stück. Den richtigen Fluss hin zu bekommen war kein Problem, egal welchen Unterton er zu erzeugen versuchte, es lief wenn er die richtigen Klänge gefunden hatte, aber es fehlte eben der Pepp.
„Hat noch jemand fragen?“, drängte sich die Stimme des Dozenten in seine Gedanken.
Nein, lass mich endlich in Ruhe arbeiten, dachte Mark grimmig ohne das Gesicht zu verziehen.
Irgendjemand stellte noch eine handvoll nerviger Fragen und Mark strengte sich noch etwas mehr an seine Konzentration auf das neue Stück zu fokussieren.
„Wenn es dann jetzt keine weiteren Fragen mehr gibt, entlasse ich Sie für das Wochenende.“

Mark war sehr froh darüber endlich gehen zu können. Die Gruppe löste sich auf und mehr oder weniger interessiert schlenderten die Studenten den Ausgängen entgegen die ihnen am besten gelegen waren, so tat es auch Mark, der sich an einem Imbiss vor dem Museum noch eine Kleinigkeit zu essen besorgte, bevor er sich eine Verkehrskapsel an einer Haltestelle rief und sich zurück in sein Wohnheim bringen lies. Unterwegs versuchte er seine Gedanken zu ordnen und die Fragmente von Melodien und Rhythmen die er schon die ganze Zeit im Kopf hatte irgendwie in Einklang zu bringen. Ihm fehlte zwar immer noch ein Thema, aber die Melodie auf die er sich zu fokussieren begann hatte es schon um einiges eingegrenzt. Er musste einen Anruf tätigen, einer seiner Kommilitonen hatte heute Geburtstag und er wollte ihm kurz gratulieren. Aus der kurzen Gratulation wurde ein längeres Gespräch über die unterschiedlichsten Themen bis Mark schließlich in seinem Wohnheim ankam und sich verabschiedete. Den Aufzug nach oben und in die Wohnung, die er sich mit drei anderen teilte. Aus der Küche drang der verlockende Duft von warmen essen, aber sein Hunger war bereits befriedigt.
„Hey, ich hab grad was zu essen gemacht, sieht so aus als würds für zwei reichen, willst was abhaben?“
Scaldo hatte den Kopf aus der Küche gestreckt nachdem Mark sich seiner Schuhe entledigt hatte.
„Danke, ich hab am Museum schon was gegessen, ich wär sonst verhungert. Kann ja keiner ahnen das das so lange dauert“, murrte Mark.
„Passiert“, meinte sein Mitbewohner und zog sich wieder in die Küche zurück.
„Wo sind die anderen?“
„Ach, irgendwo unterwegs. Weißt ja, ich bin der letzte der irgendwas erfährt.“
„Jaja, maul nicht rum, Waschweib. Wenn die beiden wieder nich demnächst zurückkommen nehm ich vielleicht doch noch was“, sagte Mark dann.
„Kay, kein Problem“, lautete die schlichte Antwort aus der Küche.
„Ach ja, da isn Anruf für dich im Wohnzimmer. Bin nicht ran gegangen, sah wichtig aus.“
„Danke“, rief Mark der schon halb in seinem kleinen Zimmer angekommen war und nun einen kurzen Abstecher zum Netzanschluss der Wohnung im Wohnzimmer machte, wo alle Anrufe von draußen eingingen die nicht speziell an einen der Zimmeranschlüsse adressiert waren.

„Mark hier“, identifizierte er sich und das System überprüfte kurz seine Identifikation bevor es das Hauptmenü als ansehnlich animiertes Hologramm in die Luft projizierte.
Er wählte seinen Nachrichteneingang und lies die neue Nachricht abspielen die dort für ihn aufgezeichnet worden war.
„Hallo Mark, Stephanie hier,“ eine reine Audiospur, nicht zwingend ungewöhnlich und trotzdem irritierte ihn es jedes Mal aufs neue das Stephanie sich hinter dem schlichten Textfenster versteckte das ihre aufgezeichnete Nachricht mitschrieb.
„Nikolas erwartet dich morgen früh um neun Uhr im Sender. Es geht um das Konzert von dem er die ganze letzte Zeit geredet hat, sei pünktlich, besser noch überpünktlich, Nikolas ist jetzt schon völlig überdreht.“
Das kann ja heiter werden, dachte Mark, Nikolas hat seit Monaten nur noch von dem Konzert geredet, führte er seinen stummen Monolog weiter und überbetonte das Dem.
„Falls das für dich zu früh ist oder du anderweitig nicht ganz meld dich bitte wie gehabt zwei Stunden vorher, spätestens, ab, damit wir einen der Springer einwechseln können.“
„Damit Nikolas mir meine Prämie für das nächste mal an dem ich dann wieder teilnehme kürzt weil ich ihn hintergangen habe?“, fragte er halblaut sich selbst.
„Du solltest kommen, das wird der Hammer! Wir sehen uns morgen, machs gut.“
Ach du scheiße, das kann ja noch was werden.
Er schloss die Nachricht und wies das Terminal an für ihn nach Konzerten in Steglitz und Zehlendorf zu suchen die am morgigen Tag statt fanden.
„Hmm, falscher Suchradius?“, fragte er sich als die Sucher keine Treffer ergab.
„Suche auf den ganzen Planeten ausweiten“, wies er das Terminal an nur um wieder keine Treffer zu erhalten.
„Naja, dann gehen wir halt noch eine Stufe weiter rauf, suche im ganzen System“, korrigierte er seine Anweisung erneut.
„Hey wusstest du eigentlich das deine Flamme morgen in Grauburg auftritt?“, kam es von der Türschwelle wo Scaldo mit einem Teller stand der fröhlich dampfte.
„Wie?“
„Na Kasheen, ich dachte, wo du doch dein ganzes Zimmer mit ihren Postern ausgehängt hast wüsstest du das vielleicht.“
Ach du scheiße, das hab ich ganz vergessen, da wollte ich doch eigentlich hin…
„Nikolas du verdammt genialer Hund“, sagte er dann laut.
„Das Konzert hat sie gemeint.“
„Wie jetzt, du fliegst da mit diesem durch geknallten Nachrichten Heinz von den Action News hin?“
„Wies aussieht, ich hatte den Termin voll verschwitzt irgendwie, danke für die Erinnerung.“
„Kein Problem. Willst jetzt doch noch was essen?“
„Ach, ja, warum eigentlich nicht, was hastn gemacht?“
„Gekochte Kapten. Hab das Rezept von ner Komilitonin, wollts mal ausprobiern, bei ihr hats immer richtig gut geschmeckt, mal sehen wie gut ichs imitiert bekommen hab“, sagte er und zuckte mit den Achseln.
„Kapten? Du hast die gekocht? Ich meine die zerlaufen doch sonst sofort?“
„Dachte ich auch, aber wenn man ein bisschen aufpasst, man muss halt daneben stehn, dann kann man sie rechtzeitig rausnehmen. Schmeckt wie Fruchtkaramell.“
„Na dann will ich das tatsächlich mal probieren.“



„Kapitän?“, Harker hatte sich nur halb durch die Luke in das Quartier gezogen und hing jetzt halb drinnen und halb draußen, die schwerelose Variante von ‚auf der Türschwelle stehen bleiben’.
„Was gibt es Harker?“
Beck sah von den Folien auf die er überflogen hatte, Einsatzpläne, Befehle und eine Ermahnung, die völlig Auslöschung von Bodenziel fünf hatte unnötige Zivile Opfer gefordert, auch wenn der nächste Absatz bereits aussagte das man nach wie vor nicht sicher sein konnte wie viel Persönlichkeit die Puppe eines terranischen Nanokriegers noch besaß.
„Es geht um Ihren Bruder. Das Kreuzfahrtschiff auf dem er sich aufgehalten hat ist vor sechs Stunden über Cassilla von einem terranischen Überraschungsangriff vernichtet worden. Die terranische Geheimwaffe wurde dabei eingesetzt. Leider haben es nur wenige Schiffe aus dem System geschafft, die Lage ist unklar, nur das die Terraner ein übergroßes Wurmloch geöffnet haben und etwas sehr großes hindurch geschickt haben. Die Reederei hat vor einer Stunde bestätigt das der Kontakt zu allen ihren Schiffen und Einrichtungen über Cassilla abgebrochen ist. Bei der Durchsicht der möglichen Opfer ist man auf Ihren Bruder gestoßen, deshalb hat man uns informiert.“
„Was ist mit seiner Familie?“
„Seine Frau und sein Sohn waren an Bord. Seine Tochter…“
„Ist noch auf der Akademie, ist Sie bereits informiert worden?“
„In diesem Moment, Kapitän.“
„Universum sei gnädig mit ihr“, flüsterte Beck.
„Irgendwelche Nachrichten von unseren Truppen dort?“
„Ich habe hier eine Reihe von Aufzeichnungen für Sie, Kapitän.“
Beck sah sich die Aufzeichnungen an, aber das ergab keinen Sinn. So viele Schiffe hatten die Terraner noch nie auf einmal verlegt. Das war nicht richtig.
„Hier ist noch etwas, Kapitän“, sagte Harker und spielte Beck die Nachricht von dem terranischen Kommandanten vor.
„Jump Moon?“, fragte er irritiert.
„Leider war es keinem unserer Schiffe möglich eine Abtastung von diesem Sprung Mond zu machen. Es hat darüber hinaus den Anschein das Cassilla vor dem Angriff aus dem interstellaren Netz genommen worden ist.“
„Von allen Netzen getrennt?“
„Ja, Kapitän“, bestätigte Harker und sah dabei so aus als würde ihn diese Tatsache stark beunruhigen.
„Wo kommen diese Aufzeichnungen her?“
„Sie sind von den Schiffen die es geschafft haben das System rechtzeitig zu verlassen. Die Verteidigungsposten der übrigen Systeme bereiten sich auf große terranische Streitmächte vor.“
„Irgendwelche Vermutungen darüber wie die Terraner es geschafft haben Cassilla so direkt anzuspringen? Oder was sie dort gewollt haben?“
„Weder, noch, Kapitän.“
Beck nickte grimmig. Er hatte erst vor kurzem noch mit Siegfried darüber gesprochen das er bald fertig sein würde. Schon früh hatte er sich angewöhnt persönliche Verluste im Militär zu akzeptieren, selbst dann wenn der Schmerz so groß war das er ihm die Luft zum atmen nahm. Bei dem Versuch das mit dem Tod seines Bruders und seiner Familie eben so zu handhaben fühlte er sich aber wie ein Verräter. Allein bei dem Gedanken daran das man ihre sterblichen Überreste vermutlich niemals würde finden und bergen können stiegen ihm Tränen in die Augen.
„Ich begebe mich zurück auf die Brücke, Kapitän. Die Polarlicht wird in den nächsten Minuten hier eintreffen, ich werde sie empfangen und mit der Ausführung der Befehle fortfahren, wenn Sie nichts dagegen haben, Kapitän“, fügte Harker nach einer kurzen Pause hinzu.

Für einen kurzen Moment fühlte Beck überwältigenden Zorn in sich aufkommen. Er war versucht Harker den Befehl zu geben die restlichen terranischen Stützpunkte der terranischen Armee auf dem Boden ebenfalls auszulöschen, wie sie es bereits mit dem Angriff auf das Bodenziel Nummer 5 getan hatten, doch als er diesem Gedanken weiter folgte erschrak er plötzlich darüber.
„Kapitän?“, fragte Harker der Becks Schütteln nicht verstand.
„Es ist nichts, Harker. Ich komme mit Ihnen. Es wird zwar nicht sehr einfach, aber hier herum zu sitzen und Trübsal zu blasen wird es auch nicht besser machen.“
„Wie Sie meinen, Kapitän“, entgegnete Harker.



„Gut, Jungs, wir sind nicht zum Feiern hier. Naja gut, nicht nur. Ihr bekommt Plätze auf den Plattformen, von da habt ihr die Menge und die Bühne gut im Blick. Die Regie gibt euch dann Anweisungen und ihr haltet auf alles drauf was sie euch zeigen, je ruhiger desto besser. Normalerweise würd ich ja nen Booster springen lassen, aber Tranqus wären hier vermutlich besser angebracht. Hab nur leider keine dabei.“
Mark hatte sich selber ein paar Beruhiger bei der Apotheke seines Vertrauens geholt. Nur um auf Nummer sicher zu gehen.
„Wenn ihr selbst was dabei habt werft es ein bevor ihr anfangt aufzuzeichnen und wenn ihr zwischendurch noch was einwerfen wollte sagt der Regie bescheit das sie euch rausschneidet, muss nicht jeder sehen das auch wir nur gemeine Sterbliche sind.“
Sie saßen in einer kleinen Kapsel die sie vom Raumhafen aus zum Veranstaltungsareal brachte. Fünf junge Männer und Nikolas, dessen tatsächliches Alter gut unter einem perfekt frisierten äußeren verborgen war so das er knapp als Mitte zwanzig durchging.
„Ich will das ihr euch richtig reinhängt, das Konzert ist pures Paladium wert. Wir senden live zurück nach Neu Berlin, das heißt mit anderthalb Stunden Verzögerung, damit sind wir die Einzigen die das Konzert live bringen, die Einzigen! Verbockt das nicht! Anschließend gehen wir auf die Anschluss Party, wer von euch es da schafft an Kasheen ran zu kommen und ihr eine Frage zu stellen die sie auch beantwortet, ganz egal was, der kann mit einer saftigen Prämie rechnen. Und scheut euch nicht davor sie notfalls auch zu verführen, alles was wir live senden was sonst kein anderer hat ist kann euch mit einem Schlag reich machen!“
„Und dich natürlich auch“, sagte Mark.
„Natürlich macht es mich reich, das ist doch das geniale an der Sache, ihr macht die Arbeit und ich kassiere nen Haufen Kohle, umso mehr, desto besser eure Aufzeichnungen sind. Stell dir doch mal vor du schleppst das heiße Teil heute noch ab, bumm, morgen schon bist du ein gemachter Mann, völlig egal wie viel ich dafür kriege, du hast dann soviel Kohle wie noch nie zuvor in deinem Leben.“
„Wenn ich sie abschleppe“, betonte Mark und fragte sich insgeheim ob er sich etwas zu sehr auf das Konzert gefreut hatte.
„Ja, wenn! Ein bisschen Engagement erwarte ich schon von dir. Und von Euch natürlich auch“, sagte er zu den anderen.
Es war nicht unbekannt das Nikolas einen Narren an Mark gefressen hatte, auch wenn Mark nicht wusste warum, er fand sich immer leicht zu langsam, seine Aufnahmen immer zu unruhig und seinen Ehrgeiz eigentlich zu gering.
Sie erreichten das abgesperrte Areal das doppelt so groß war wie die start und Landefläche des Raumhafens wie Mark verblüfft feststellte, bevor Nikolas, der bereits mit der Aufzeichnung begonnen hatte, laut erklärte das es sich bei dem Gelände um einen alten Truppen Übungsplatz des Heeres des ehemaligen Neu Preußens gehandelt hatte. Jetzt waren so viele Menschen auf dem Areal das man den Boden nicht mehr sehen konnte, unter den Massen an Menschen und den großen Tribünen, unter den großen Masten mit den Plattformen für die richtig teuren Plätze und die Berichterstatter, den großen Holovid Projektorbecken und natürlich den Versorgungseinheiten die den Strom für die großen Maschinen lieferten die überall im Kreis um die schwebende Bühne herum standen. Überall wuselten kleine Drohnen durch die Luft, kaum größer als Marks geballte Faust waren die meisten von ihnen autonome Übertragungsstudios, die eigenständig aufzeichneten und sofort nachbearbeiten konnten. Andere waren nur für die Beschallung der Menge zuständig, damit man überall gut hören konnte, sie sorgten gleichzeitig auch für eine dynamische Beleuchtung der Umgebung.
Die Kapsel schwebte einmal um das Areal herum während Mark den ersten Beruhiger des Abends einwarf bevor er seine Implantate einschaltete um alles aufzuzeichnen was er sah und hörte.

„Mark, du bist der Erste, du kommst richtig nah ran! Du hast bisher das beste Geschickt darin bewiesen gezielte Aufnahmen von allem Möglichen zu machen, du bist also einzig und allein für die Bühne eingeteilt. Die Regie hat drei Drohnen gemietet die ebenfalls die Bühne zeigen, greif nicht zu oft darauf zurück, deren Bilder sind halt scheiße, falls du mal musst oder so. Halt dich an die Anweisungen von unseren Leuten aus dem Ü-Wagen, die schneiden dich schon richtig zusammen“, sagte Nikolas und schlug ihm breit grinsend auf die Schulter.
Mark nickte und schluckte gleichzeitig schwer. Mit einem leicht flauem Gefühl im Magen klinkte er sich in das Ü-Netz ein und erhielt sofort die ersten Anweisungen von der Regie. Hoch auf erfreut darüber das er bereits aufzeichnete begannen die drei allein für ihn verantwortlichen Regiekräfte seinen Datenstrom zu synchronisieren und ihm die ersten Anweisungen zu geben. Die Synchronisation war notwendig um alle Daten die seine Implantate sendeten richtig interpretieren, in Netzsignale umwandeln und für die lange Übertragung über das Interstellare Netzwerk komprimieren zu können.
„Mark, hier ist Jaennya, ich bin heute Abend dein Operator. Ich weiß das du das was jetzt kommt alles in und auswendig kennst, lass es uns bitte trotzdem durchgehen, der Vollständigkeit halber“, meldete sich eine zarte Frauenstimme in seinem Ohr.
„Interlinkstatus und so weiter“, murmelte Mark.
„Genau, lass es uns schnell hinter uns bringen. Ist dein Interlink voll mit uns synchronisiert?“
„Jepp“, antwortete er während die Kapsel bereits seine Plattform ansteuerte.
„Gut, ich aktiviere dann das RegieHUD. Hast du alles gut im Blick?“
„Ja, hat sich grad alles aufgebaut, Test ist auch durchgelaufen, hat keine Fehlermeldungen rausgegeben.“
„Gut, das wäre meine nächste Frage gewesen. Nur um auf Nummer sicher zu gehen werde ich ein paar einfache Anweisungen hochladen, befolge sie so gut du kannst, ich werte das dann aus.“
„Mach ich“, antwortete er und sprang aus der Kapsel auf die Plattform.
Mindestens zwei dutzend andere Berichterstatter drängten sich bereits am Rand der Plattform um nach Möglichkeit den besten Blick zu bekommen. In seinem Gesichtsfeld hatte sich das HUD aufgebaut das die Regie ihm zeigte, damit er sehen konnte was von seinem Gesichtsfeld als verwendbares Material von der Regie herangezogen wurde. Groß war der Ausschnitt diesmal nicht. Der Synchronisationsstatus leuchtete unauffällig in der rechten unteren Ecke seines Gesichtsfeldes, ein paar andere Daten, wie die aktuelle Zeit, sein Aufnahme Status und ein Kompass waren weit oben in seinem Gesichtsfeld angeordnet. Eine Grüne Linie und zwei graue Linien die parallel zu der grünen verliefen tauchten in seiner Sicht auf. Zwei kleine Kreuze markierten die Blickrichtung seine Augen. Als er beide Kreuze in den Korridor brachte zeigte eine grüne Welle die Richtung und die Geschwindigkeit an mit der er dem Verlauf der Linien folgen sollte.
Die Tests verliefen Problemlos und Jaennya meldete sich bis zum Beginn des Konzertes ab, damit er sich in Ruhe eine gute Position suchen konnte. Nachdem er sich sein Plätzchen gesucht hatte hieß es warten. Kasheen war noch nicht eingetroffen, die Bühne verweist und leer. Vorfreude fraß sich in seine Eingeweide und lies ihn nervös werden. Seine Nervosität kam auch von der Frage ob er Kasheen auf der Party treffen würde. Etwas von dem er manchmal des Nachts träumte. Bei dem Gedanken daran kam er sich wie ein pubertierendes Kind vor, auch wenn er sich bei genauerer Betrachtung nicht sehr daran störte. Die meisten Leute die er kannte empfanden ähnlich für irgendwen. Oder irgendetwas. Träumereien dieser Art waren etwas gewöhnliches und völlig normales.
Die ersten Anzeichen dafür das der Beginn des Konzertes bevorstand schlichen sich in seine Aufmerksamkeit. Lichter positionierten sich rund um die Bühne, Lautsprecher entfalteten sich überall auf dem ganzen Areal und die Plattform auf der er sich befand wurde von ihrem Pfeiler abgekoppelt um frei rund um die Bühne schweben zu können. Aufregung machte sich in der Menge breit. Fans begannen zu rufen. Er fragte sich ob sie mit oder ohne ihre Band auftreten würde. Die Frage war ihm so spontan in den Kopf geschossen das er für einen Moment daran fest hing. Er schüttelte den Gedanken ab, nachdem er ein wenig darüber nachgedacht hatte, er würde es ohnehin selbst sehen können. Nebeldüsen rund um die Bühne begannen mit ihrer Arbeit und bald war die Bühne unter einem sanft weißen Vorhang aus Nebel verborgen. Die sanften Klänge einer europäischen Harfe drangen an sein Ohr und wie vom Donner gerührt wurden die jubelnden Fans schlagartig ruhig. Jaennya lud ihm erste Anweisungen hoch und setzte seinen Status auf aktiv. Alle Gedanken aus, jetzt musste er arbeiten. Er erkannte die Melodie als eines seiner Lieblingslieder ihres neuen Albums und musste grinsen. Er freute sich einfach hier zu sein und bei seiner Arbeit das Konzert genießen zu können. Der Nebel lichtete sich und während die Harfe ruhig weiter spielte trat sie endlich aus dem feinen Dunstschleier der zurückgeblieben war. Gekleidet in ein langes, weißes Kleid das förmlich von ihr herunter zu fließen schien, grüßte sie mit weit ausgestreckten Armen ihre zahlreichen Fans.
„Einen wunderschönen guten Abend, Neu Preußen“, begann sie und der aufbrandende Jubel übertönte die noch immer ruhig spielende Musik.
Ihre ruhige, leicht rauchige Stimme wurde von dutzenden Nanomics aufgenommen die überall in der Luft rund um die Bühne schwebten und eine gleichmäßige und saubere Aufnahme von ihr und ihrer Band ermöglichten. Langsam lies sie die Arme sinken und die Menge beruhigte sich ein wenig.
„Ich bedauere sehr das ich nur ein Konzert in Neu Preußen geben kann, ich hätte gern mehr Zeit in meiner Heimat verbracht. Als Ausgleich aber werden wir einfach ein paar Stücke mehr spielen, was haltet ihr davon?“, fragte sie mit der gewohnt ruhigen Art mit der sie in der Öffentlichkeit immer aufzutreten pflegte.
Die Antwort kam als donnernder Beifall.



„Und, Richter, was halten Sie davon?“
Richter musste nicht lange überlegen was er von dem hielt was Mr. Harold ihm gerade zeigte.
„Übertrieben“, murmelte er nur.
„Ja, mit so einer Einschätzung Ihrerseits habe ich gerechnet“, erwiderte Harold, ohne jede Spur von Enttäuschung allerdings.
„Es ist ein absolutes Meisterwerk. Der Erfindungsgeist des Menschen kennt keine Grenzen mehr, wir können alles erschaffen was wir uns nur vorstellen können.“
„Solch ein riesiges Tor konnte man sich sicherlich auch vor ein paar hundert Jahren schon vorstellen. Die Europs haben sich sogar Schutzschilde vorgestellt und haben die seit Ewigkeiten auf ihren Schiffen im Einsatz.“
„Richter, darum geht es doch gar nicht“, erwiderte Harold gekränkt.
„Verzeihung, Boss, klären Sie mich auf, worum geht es“, fragte Richter dann völlig nüchtern.
„Mr. Gregory hat sich das hier einfallen lassen. Es wird dem Krieg die entscheidende Wende verleihen, selbst wenn das nicht auf den ersten Blick erkennbar sein wird. Hat Mr. Gregory zumindest gesagt.“
Richter rollte unbemerkt mit den Augen, Harold war ein solcher Speichellecker wie er selten vorher einen gesehen hatte.
„Nun, wie dem auch sei, die terranische große Offensive hat begonnen, die nächsten Ziele stehen ebenfalls fest und es ist alles so eingerichtet wie wir es haben wollten.“
„Ja, nur viel zu früh“, grunzte Richter.
„Ach was, auch das ist ein Teil von Mr. Gregorys Szenario. Er hat vor so langer Zeit begonnen alle Details zu planen, das er praktisch alle möglichen Wendungen berücksichtigen und einbauen kann.“
„Hoffen wir einfach mal das das auch stimmt. Wie geht es jetzt für uns weiter?“
„Wir sammeln Mr. Jonas an der vorgesehenen Stelle auf. Zumindest sollen wir das tun, ich frage mich aber ob sich das auch wirklich einrichten lassen wird. Immerhin hält er sich zur Zeit auf einer Welt auf die nicht unbedingt die ruhigste Welt ist die ich kenne.“
„Erzählen Sie“, forderte Richter seinen Chef mit fester Stimme auf.
„Mr. Jonas hat vor längerer Zeit, im Auftrag von Mr. Gregory, auf einer kleinen Nairi Welt Kontakt mit einem Menschenhändlersyndikat gehabt. Irgendwie sind die Terraner ihm wohl auf die Schliche gekommen und er musste sich verstecken. Nachdem die Terraner ihm freundlicherweise die Verwischung seiner Spuren abgenommen haben müssen wir ihn jetzt nur noch finden und von dem Planeten herunter schaffen. Er hat sich vor ein paar Tagen einmal kurz gemeldet und uns seine voraussichtlichen Koordinaten für eine Abholung zukommen lassen.“
„Voraussichtlich klingt weniger vorteilhaft.“
„Wie meinen Sie das, Richter?“
„Wenn die Terraner angefangen haben auf dem Planeten aktiv nach ihm zu suchen, dann nehmen sie doch mit hoher Wahrscheinlichkeit dort einfach alles auseinander, jetzt wo der Krieg herrscht werden sie vermutlich auf alle Verträge mit den Europs scheißen und keinen Stein mehr auf dem Anderen lassen. Voraussichtlich ist da nicht sehr hilfreich für eine Extraktion.“
„Sicherlich, aber Mr. Jonas hat das Problem das er eine Tarnung zu wahren hat, besser gesagt muss er mehrere Tarnungen aufrecht erhalten, für den Fall das die Europs ihn versehentlich vor uns finden dürfen die nicht erkennen wer er wirklich ist. Das erlaubt ihm leider keine all zu exakten Planungen.“
„Verstehe. Die Europs suchen also auch nach ihm?“
„Sie sind wohl im Orbit und haben mit dem Angriff auf die terranischen Stellungen begonnen. Soweit wir wissen suchen sie nach jemandem aus dem Syndikat, Jonas meinte aber es sei nicht gänzlich auszuschließen das sie versehentlich auf ihn stoßen.“
„Das wird ja immer beschissener. Terraner und Europäer die sich auf einer Welt für Primitive die Klinke in die Hand geben und ich soll da aufs gerate wohl reingehen und jemanden finden der sich in so viele Tarnungen gehüllt hat das er nicht einmal sagen kann wann und wo wir ihn abholen sollen. Ich wusste ich bin heute früh mit dem falschen Fuß aufgestanden.“
„Naja, die letzten Tage waren wirklich nicht sehr angenehm.“
„Die letzten Tage warn schlicht langweilig, terranischen Schiffen ausweichen, europäischen Schiffen ausweichen, hier hin springen, da verstecken. Die nächsten Tage, die werden schwierig, Boss.“
„Da haben Sie sicherlich nicht unrecht, Richter“, stimmte Harold ihm zu.



Kun war zusammen mit Farass auf den zentralen Marktplatz der Stadt geschleift worden, wo man sie beide an den Pranger stellte. Vorgesehen war es sie dort für die nächsten zwei Tage stehen zu lassen, bevor man Farass auf einem Scheiterhaufen als Hexe verbrennen würde. Kun hatte den ganzen Weg zum Marktplatz versucht mit den Wachen des „Fürsten“ zu handeln, irgendwie zu bewirken das man ihn und seine Begleiterin gehen lies. Doch nichts half, sie waren in ihre stoische Ruhe versunken und reagierten nicht im Geringsten auf ihn. Hier und da ein ärgerliches Knurren wenn er zu laut oder zu aufdringlich wurde, sehr viel mehr bekam er aber nicht aus ihnen heraus.
Ich brauche ein Wunder, dachte er, ein richtig großes Wunder.
Es war unbequem und er vermutete das sollte es auch sein. Er würde bald furchtbare Rückenschmerzen bekommen, das fühlte er jetzt schon.
„Ich will nicht verbrannt werden“, maulte Farass neben ihm zum wiederholten male.
„Glaub mir, das will ich auch nicht, schlicht weil es unmenschlich und barbarisch ist, aber beweise den Leuten mal, das du ein ganz gewöhnlicher Mensch bist“, gab Kun zurück.
„Hey, Ruhe da oben, ihr habt still unter Eurer Strafe zu leiden!“, bellte eine der beiden Wachen die auf die beiden Gefangenen aufpassen sollten.
„Ich wird gleich noch viel lauter leiden!“, fauchte Farass.
„Soll ich dich auch noch auspeitschen, Weib? Reicht es nicht das wir dich verbrennen?“
„Halt dein verfluchtes Maul du verfluchter Bastard!“
„Pass auf was du sagst, Hexe, sonst lasse ich dich Knebeln oder dir gleich hier die Zunge aus dem Hals schneiden!“
Er zückte zur Demonstration sein Messer und Farass wurde bleich.
„So ist es besser. Noch ein Wort von dir, Hexe, und ich schneid dir deine Zunge raus, nur das du es auch weist.“

Er drehte sich wieder um, mit einem hässlich triumphalen Grinsen auf dem Gesicht.
Kun dachte angestrengt darüber nach was er noch tun konnte. Sicherlich, wenn ihm einfiele wer dieser Mr. Jonas war, dann gäbe es vielleicht noch eine winzige Chance für ihn und seine unfreiwillige Begleiterin. Er sah kurz zu ihr herüber und erkannte ihren hasserfüllten Blick. Schnell wandte er seinen Blick wieder ab und betrachtete die Szenerie auf dem Markt.
„Heda, Wachmann“, rief jemand von der Seite, den Kun nicht gleich richtig erkennen konnte.
Es war ein einfach aussehender Mann, gekleidet in die Lumpen eines Bauern aus dem Umland.
„Was wollt Ihr, Bauer?“
„Was wirft man dem Mann denn vor? Außer das er mit dem Fischweib zugange ist?“
Hatte er gerade Fischweib gesagt? Kun versuchte den Mann genauer in den Blick zu bekommen, aber er konnte seinen Kopf nicht weit genug drehen um sich ein genaueres Bild machen zu können.
„Fischweib?“, fragte der Wachmann und klang verwirrt.
„Na die Blaue Hexe da, die ist doch eins von diesen Fischweibern, oder?“
Der Bauer sprach mit einer festen, fast gebieterischen Stimme und dich hatte sie den nötigen Hauch Respekt vor dem Amt des Wächters um diesen davon zu überzeugen der Herr der Lage zu sein.
„Ich weiß nichts von Fischweibern. Der Fürst hat befohlen sie übermorgen als Hexe auf den Scheiterhaufen zu stellen und in den Flammen zu läutern. Mehr braucht Euch nicht zu interessieren, Bauer.“
Ein Wachhauptmann trat in Kuns Blickfeld.
„Wachmann, was steht ihr hier rum und spielt den Narren für dieses Gesinde?“
„Er wollte wissen was man diesem Mann hier vorwirft.“
„Der Fürst lässt ihn bestrafen, Bauer, genügt Euch diese Antwort nicht?“, fragte der Hauptmann in einem freundlich bestimmtem Ton.
„Ich wollte nur wissen ob das was mit dem Fischweib zu tun hat.“
„Sie sind zusammen unterwegs gewesen, entweder er steht unter ihrem Zauber oder er ist ihr Verbündeter, könnt Ihr diesen Schlussstrich nicht alleine ziehen?“
„Er ist also zusammen mit ihr hier angekommen?“
„Ja“, antwortete der Hauptmann.
„Habt Danke, Hauptmann.“

Er lies die Wachen einfach stehen und stellte sich vor den Pranger.
„Es war wahrlich nicht leicht Euch zwei zu folgen, meine Freunde“, sagte er dann, die Hände die in Seiten gestemmt.
„Meine Vorgesetzten haben ein paar Fragen, und natürlich wartet noch immer eine Zelle und ein Strafverfahren auf Euch“, sagte er und fasste Kun in seinen festen Blick.
Ein paar Menschen hatten sich auf dem Marktplatz eingefunden, nachdem die Messe nun allmählich vorbei sein musste fürchtete Kun das ihm der erste richtige Andrang von Schaulustigen aber wohl noch bevor stand.
„Nicht nur eines, fürchte ich“, erwiderte Kun missmutig.
Der Mann den in Lumpen eines armen Bauern lachte laut auf so das die Wachen und ihr Hauptmann ihn irritiert musterten.
„Da könntest Ihr recht haben, mein Freund. Jetzt sollten wir aber erst einmal sicherstellen das Ihr überhaupt fähig seid an einem solchen Strafverfahren teil zu nehmen, richtig?“
Kun verstand nicht ganz, auch wenn er glaubte es sich bereits denken zu können worauf der Mann hinaus wollte. Das Gespräch, so man es denn so nennen wollte, hatte eine unangenehme Wendung genommen, die er zu Anfang gar nicht bemerkt hatte.
„Wer seid Ihr, Bauer?“, fragte er dann vorsichtig.
„Wer ich bin? Spielt das für Euch wirklich eine Rolle?“, fragte er und wirkte dabei gespielt überrascht, auch wenn sein Blick das Gegenteil besagte.
„Prinzipiell sicherlich nicht“, erwiderte Kun lustlos, „Immerhin stehe ich hier am Pranger, egal wie Ihr mir antwortet.“
„Sagen wir einfach“, erwiderte der namenlose Bauer nachdenklich, „ich bin jemand der Euch nichts vordergründig böses will und dem sehr daran gelegen ist das man Euch vor einem ordentlichen Gericht, mit ordentlichen Mitteln zur Rechenschaft zieht.“
„Sprich, Ihr wollt den Pranger gegen eine Zelle und einen Stuhl vor einem Gericht eintauschen.“
„Ja, findet Ihr das, im Anbetracht dessen was Ihr getan habt, so verwerflich?“
„Nun, ich hatte gehofft dem entkommen zu können“, gab Kun zurück, sich auf einmal den Stadtwachen bewusst werdend die sehr interessiert gelauscht hatten.
„Nun ja, wenn es etwas anders gekommen wäre dann wärt Ihr mit Sicherheit hier sehr sicher aufgehoben gewesen.“
Menschen strömten auf den Marktplatz und die ersten bemerkten nun das es am Pranger wieder etwas zu bestaunen gab. Innerlich wappnete sich Kun schon gegen den Ansturm von Schmähungen. Er sah zu Farass hinüber. Er bemerkte, nicht zum ersten mal seit er mit ihr unterwegs war, das sie eine enorme Anziehungskraft auf ihn auswirkte. Es tat ihm auf einmal sehr leid das er sie in diese Situation gebracht hatte.
„Und wie wollt Ihr uns hier heraus bringen?“
„ich, Euch hier heraus bringen? Wie käme ich dazu?“, fragte er plötzlich und diesmal war seine Überraschung echt, stellte Kun erschrocken fest.
Einer der Wächter war hinzu getreten. Er packte den Bauern an der Schulter.
„Was habt Ihr hier die ganze Zeit zu besprechen. Seid Ihr ein Komplize, Bauer!“, sprach er mit lauter und durchdringender Stimme aus ohne überhaupt den Raum für einen Zweifel zu lassen.

Der in die Kleider eines Bauern gehüllte Mann lies den Kopf leicht hängen und seufzte theatralisch. Anschließend fixierte er den Wächter mit einem Blick der so tödlich und kalt wirkte das Kun augenblicklich einen Satz nach hinten machen wollte und sich dabei fast selbst an seinen Fesseln strangulierte.
„Europäer“, giftete der Wächter plötzlich.
„Erraten, Puppe“, erwiderte der Mann der vorgab ein Bauer zu sein, bevor er eine Waffe zog und sie dem Wächter direkt ins Gesicht hielt.
„Was?“, fragte Kun noch als der Kopf des Wächter von einem lautlosen und unsichtbaren Schlag getroffen nach hinten ruckte, bevor sein Körper leblos nach hinten umkippte.
Auf dem Platz wurde es Totenstill.
„Hexer!“, kreischte der Hauptmann nachdem er sich erholt hatte, während der Bauer bereits den nächsten Wächter auf die gleiche Weise fällte.
Irgendjemand sprang hinter Kun und Farass auf das Podest. Kurz darauf klirrten die Schlösser welche die Hölzernen Balken hielten, mit denen die beiden an Ort und Stelle festgehalten werden sollten. Wie wild begann Kun sich aus dem Pranger zu befreien, allein der kurze Zeitraum hatte ihm ausgereicht um eine fast panikartige Reaktion zu bewirken. Er drehte sich um, nachdem er frei war, nur um zu seinem bedauern zu erkennen das er wieder genau da war, wo er offenbar angefangen hatte. Es mochte jetzt fast sechs Monate her sein, doch er erkannte ihr Gesicht noch immer.
„Hauptmann, bleibt bitte wo Ihr seid, diese Angelegenheit übersteigt eure Kompetenzen. Und Zuständigkeiten“, fügte sie mild aber bestimmt hinzu.
„Sie!“, stieß Kun aus, sich kaum sicher wie er fortfahren sollte.
„Sie sind verhaftet“, sagte sie so schlicht und kühl das Kun das Blut in den Adern gefror.
„Bleibt wo Ihr seid, alle! Im Namen des Fürsten…“
„Er ist nicht Euer Fürst. Er hat ihn getötet, sein Aussehen und seinen Platz eingenommen und betrügt Euch nun um an diese beiden hier heran zu kommen. Er ist der für den er sich ausgibt. Bringt ihn her und ich werde es Euch beweisen“, erwiderte sie, deutlich gereizt.
„Nicht notwendig einem meiner Männer Befehle zu erteilen, Hexe, ich bin bereits hier.“
Die sich schnell vergrößernde Menge auf dem Platz war in Staunen verfallen, als würden sie Ihren Herrscher zum ersten mal sehen. Oder zum ersten Mal seit langem.
„Wie clever sich hier zu verstecken, terranischer Abschaum. Ich verhafte Sie wegen zahlreicher Verstöße gegen die Abkommen von Al-Shad! Behaupten Sie nicht diese Verträge geleten für Sie nicht, sie sind bindend und unumstößliches internationales Recht das von mindestens zwei der großen Drei als ungültig erklärt werden muss und soweit ich informiert bin hält die Konföderation an den Verträgen fest, damit verstoßen Sie dagegen! Wenn Sie sich nicht augenblicklich ergeben werde ich Sie augenblicklich erschießen! Hoch mit den Händen!“, bellte sie.

Drei Soldaten der europäischen Marineinfanterie standen mit ihr auf dem Podest auf dem sich die Pranger befanden. Einer hielt Kun, ein zweiter hatte sich zwischen den Fürsten und Farass gestellt, der dritte kniete mit schussbereiter Waffe neben Farass’ Pranger.
„Ihre Verträge haben für uns keine Gültigkeit. Wir verhandeln nicht mit Verbrechern. Legen Sie los, erschießen Sie mich“, sagte er vollkommen ruhig, mit einer so hässlichen triumphierenden Miene das Kun seiner Bitte sofort nachgekommen wäre, befände er sich in der drohenden Position.
„Vollkommen egal, ob Sie uns als Verbrecher betrachten oder nicht, Sie sind in der Unterzahl und daher unterlegen. Kapitulieren Sie und Ihnen wird nichts geschehen. Andernfalls zwingen wir Sie zur Kapitulation.“
„Wie, wenn ich fragen darf? Wollen Sie einen großen starken Mann holen der mich auf die Knie zwing in dem er mir seine Hand auf die Schulter legt?“
„Ich dachte an einen mechanischen Mann“, erwiderte sie ruhig.
„Viel besser“, pflichtete er ihr bei und grinste.
„Oh, glauben Sie nicht wir hätten keine Vorkehrungen getroffen“, sagte sie und diesmal war es an ihr zu grinsen.
„Ihr fleischlichen seid manchmal so absolut unintelligent das es mir manchmal schwer fällt mir vorzustellen das ihr morgens den Weg aus dem Bett findet“, sagte er.
Zwei mechanoide Soldaten traten hinter ihn. Einer von ihnen trug ein Gerät dessen Zweck Kun nicht erkennen konnte, der andere stand einfach nur da.
„Ich werde mich einfach durch diese beiden Fressen, meine Anzahl vervielfachen und Euch alle töten“, prahlte der Fürst.
„Ja“, erwiderte die Europäerin, „oder aber, wir deaktivieren Ihren Körper und laden Ihr Bewusstsein auf einen Speicher herunter. Ihre Entscheidung“, sagte sie mit zuckersüßer Stimme und einer finsteren Genugtuung in den Augen als er erkannte das sie mehr wusste als er.

Weitere Soldaten drängten sich durch die Menge an verunsicherten Menschen auf dem Platz. Wo kamen die nur alle her?
„Was haben Sie vor?“, fragte der Fürst, jetzt vorsichtiger als vorher.
„Ich habe sieben Leute mit EM-Waffen hier, einer steht direkt hinter ihnen, er eliminiert ihren Körper in dem Moment in dem sie aggressive Tendenzen zeigen oder sich auch nur nach ihm umdrehen. Ich habe keine Skrupel Sie auf der Stelle zu entkörpern wenn es sein muss, aber Beck möchte mit Ihnen persönlich sprechen und ich bin angehalten seinem Wunsch zu entsprechen. Bevor wir Sie nun in Schimpf und Schande von hier weg zerren werden Sie diesen Leuten noch Ihr wahres Ich offenbaren, nur um alle Eventualitäten auszuschließen.“
„Das können Sie nicht von mir verlangen!“, keifte er.
„Was, bedeuten Ihnen diese Fleischlinge doch etwas?“, fragte sie völlig neutral.
Er zögerte, aber Kun konnte erkennen das er wirklich mit sich ringen musste um ihr zu antworten, geschweige denn sie anzusehen. Unwillkürlich lies er seinen Blick schweifen und sah die Menschen die sich auf dem Marktplatz versammelt hatten. Die unterschiedlichen Ausdrücke von Angst und Verwirrung, Verunsicherung und Irritation. Und überall dazwischen Stadtwachen mit ihren unbeweglichen Mienen und dem ewig gleichen stierenden Blick. Während er sich so umsah stellte er fest das die Wächter tatsächlich überall in der Menge in relativ gleichmäßigen Abständen aufgetaucht waren. Als hätten sie das Podest umstellt.
„Äh, ich glaube wir haben ein Problem“, murmelte er.
„Weiß ich“, antwortete die Europäerin leise.
„Sie wissen das?“, fragte er und versuchte nicht zu laut oder auffällig zu sein.
„Die Verstärkung ist unterwegs“, erwiderte sie ruhig ohne ihn anzusehen.
„Was wenn die nicht rechtzeitig kommt?“, fragte er und sah dabei knapp an ihr vorbei über die Menschenmenge hinweg in Richtung eines der Stadttore dessen Anblick sich ihm so darbot.
„Dann werden ich und meine Männer so viele dieser Puppen erschießen wie wir können während Sie das Mädchen nehmen und so schnell rennen wie sie können“, erwiderte sie und ihr Blick traf den Seinen.
„Sie würden für mich sterben?“
„Bleibt mir denn eine andere Wahl?“, fragte sie ihn.
„Keine Ahnung, ich hab keine Ahnung vom Militär.“
„Soweit ich weiß haben Sie europäische Eltern, richtig?“
„Ja“, antwortete er schwach.
„Da haben Sie Ihre Antwort“, erwiderte sie ruhig.
Er konnte nicht anders und musste sie direkt ansehen.
„Was jetzt?“, fragte er und musste sich beherrschen nicht lauter zu werden.
„Sie sind Europäer durch Geburt, nicht gewusst?“, fragte sie und wirkte amüsiert.
„Nein, woher denn auch?“, antwortete er unruhig.
„Willkommen in Europa, Bürger“, sagte sie und grinste ihn an.
Der Fürst hatte sich weiter aus der Menge gelöst in dem er auf das Podest zu getreten war.
„Ich würde ja gerne sagen das Sie mir Angst gemacht haben, Europäerin“, sagte er mit einem widerlichen Triumph in der Stimme, er spielte die ganze Zeit über Katz und Maus mit ihnen und Kun fürchtete das er jetzt nicht nur die Katze sondern auch der Sieger war.
„Zuerst werden wir Sie vernichten, dann die Lügen ihrer verbrecherischen Nation aus Orion tilgen und abschließend die Menschheit wieder unter unserer Flagge einen. Sie tun sich einen Gefallen wenn Sie das jetzt akzeptieren und kapitulieren“, sagte er mit weit ausgebreiteten Armen.
„Legen Sie sich flach auf den Boden, die Hände über dem Kopf“, flüsterte sie Kun zu während der Soldat der Farass schützte sie dazu brachte das gleiche zu tun.
„Aha, wie ich sehe nehmen Sie Vernunft an“, sagte er noch während die europäischen Marineinfanteristen sich mit gesenkten Waffen aus der Menge zum Podest begaben.
„Ja, Vernunft ist eine schöne Sache“, murmelte sie, Schade das Ihr Terraner immer so wenig davon auf Lager habt. Erschießt den Bastard!“, rief sie den beiden mechanoiden Soldaten zu.

Der Fürst versuchte noch dem Angriff zu entgehen in dem er seine Körperform auflöste doch die von mehreren Seiten auf ihn gerichteten EMP Waffen trafen den Schwarm der seinen Körper bildete großflächig.
„Sagt mir das ihr sein Bewusstsein herunterladen konntet!“, rief sie.
Der Fürst war in seine winzigen Bestandteile zerfallen, für den Unkundigen Beobachter aber sah es so aus als würde er sich in eine Staubwolke auflösen die schlagartig in alle Winde verteilt wurde. Panik brach unter den Bürgern aus.
„Tötet die Hexer!“, rief der Hauptmann und die Wachen gehorchten.
Kun konnte nur noch erkennen wie aus den Stadtwachen schattengleiche Schemen wurden als sie durch die Reihen der aufgescheuchten Menschen preschten, in Richtung des Podestes und der europäischen Marineinfanteristen die noch im gleichen Moment das Feuer eröffneten. Von einem Moment auf den anderen verwandelte sich der Marktplatz in das Abbild des Chaos selbst.



Prüfungen waren dazu gedacht alles aus dem Rekruten heraus zu holen. Theoretische Tests dagegen waren einfache Abfragen bei denen der Dozent eigentlich nur verschleiern wollte das er für diesen Tag nichts großartiges vorbereitet hatte, so dachte Hadda zumindest als sie schweigend zwischen ihren Kameraden saß und auf ihrem Terminal Fragen beantwortete. Zwei Stunden hatten sie bekommen um alle Fragen zu den letzten fünf Übungen zu beantworten. Eine ganze Woche praktische Erfahrung in zwei Stunden rekapitulieren.
Heute Abend muss ich irgendwas machen das Spaß macht, dachte sie und spürte wie der Frust ihre Konzentration beeinträchtigte. Hagen hatte ihr ein paar Tricks beigebracht um sich zu beruhigen. Durchatmen, alle Gedanken aus dem Kopf verbannen, ein neutralen Punkt suchen. Mit Leerem Blick starrte sie für ein paar Augenblicke geradeaus.
„Frau Beck, ich hoffe doch, die Antworten befinden sich in Ihrem Kopf und nicht an der Wand über meinem Kopf“, bemerkte der Dozent streng und Hadda stieg die Schamesröte in ihr Gesicht.

Sofort richtete sie den Blick wieder auf den Bildschirm ihre Terminals und begann wieder sich auf ihre Fragen zu konzentrieren. Praktische Verfahren zur Signalortung. Sie hatten das Thema gerade erst angekratzt, doch die Fragen gingen so tief in das Thema das sie befürchtete das sie die Hälfte gar nicht würde beantworten können. Sie hatte erst am Wochenende mit dem Lernen beginnen wollen, nachdem sie diesen Abend feiern gehen wollte. Sie verfluchte sich selbst und schon war er wieder da, der Frust. Hagen hatte ihr erzählt er selbst habe an der Akademie ganz schön kämpfen müssen, er war immer ein bisschen zu faul gewesen, war vielleicht einem Mädchen zufiel nachgestiegen. Sie bewunderte ihren Onkel dafür was er alles erreicht hatte, trotz seiner offensichtlichen Makel, die er nur allzu oft erwähnte wann immer sie Gefahr lief ihn zu glorifizieren. Sie musste lächeln, ihre Eltern hatte ihr immer versichert das der große Beck sein Leben lang immer nur studiert und gelernt hatte. Und sobald ihr Vater und vor allem ihre Mutter außer Hörweite war fing Hagen wieder mit seinen Abenteuergeschichten an, die vielen kleinen Dummheiten zu denen er sich hatte hinreißen lassen, wie zum Beispiel seinem Dozenten einen Streich nach dem anderen spielen, mit Kommilitonen die ganze Nacht Musik machen. Solche Sachen eben. Sie fragte sich ob er es leichter gehabt hatte als sie, weil er die Aufklärung nicht nur freiwillig gewählt hatte, sondern auch eine direkte Empfehlung gehabt hatte. Er war der perfekte Aufklärungsoffizier, immer gewesen. Sie war sich über ihren Platz nicht ganz so sicher. Manchmal schielte sie in den praktischen Übungen für Kartografie Sehnsüchtig zu den Aufklärern hinüber, sie mussten in etwa das Gleiche über Kartografie, Beobachtung und Navigation lernen, aber Hadda und ihre Kommilitonen von den Piratenjägern mussten zusätzlich zu den gewöhnlichen Methoden auch ungewöhnliche Methoden lernen, sowie alle Berechnungen im Kopf machen können, oder zumindest mit Hilfsmitteln wie einfachen Rechnern und Büchern, ohne unterstützende Agenten und Expertensysteme, kurz ohne einen richtigen Computer. Aus dem Kopf wie sie es immer nannte. Ihren Noten nach war sie darin wohl gut, aber sie wusste das sie an so vielen Ecken und enden in den Praktika die Rechnungen verbiegen und neuinterpretieren musste um halbwegs genaue Werte zu bekommen. Die anderen sagten, das es genau darauf ankam oder zumindest ankommen musste. Eine weitere Frage beantwortet und noch immer fast eine Stunde Zeit. Fehlte nur noch ein Drittel. War das ein gutes Zeichen? Selbstzweifel, wie sie diese furchtbare Schwäche hasste. Ein Offizier und zwei Marineinfanteristen kamen eine der Treppen herunter. Sie sahen ernst aus. Unten bei Ihrem Dozenten angekommen, der von der gelangweilten Lektüre eines Buches aufgesehen hatte um den Offizier zu begrüßen wechselte Letzterer ein paar Worte mit ihrem Dozenten und Hadda erkannte das sie nicht die einzige war die versuchte unauffällig zuzusehen. Plötzlichen ruhten die Blicke des Offiziers und des Dozenten auf ihr. Erschrocken senkte sie so schnell sie konnte den Blick und versuchte sich auf die nächste Frage zu konzentrieren, doch der Schaden war offenbar angerichtet.
Denk nach, Dummerchen, was hast du jetzt schon wieder angestellt, denk nach, was hast du gemacht, rasten die Gedanken durch ihren Kopf.

Der Offizier Schritt die Treppe hoch die am nächsten zu ihrem Platz lag und sie wurde nervös. Ertappt dabei nicht konzentriert zu sein fühlte sie sich ausgesprochen schuldig. Mehr und mehr sank sie auf ihrem Platz zusammen. Ihr Gesicht brannte vor Scham, auch das, da war sie sich sicher, war nie Hagens Problem gewesen, er war immer völlig kontrolliert, es sei denn er war mit seinen engen Freunden zusammen oder erzählte ihr eine seiner Geschichten. Sie fühlte sich schwach. Der Offizier war bei ihrer Reihe angekommen.
„Frau Hannah Daria Beck, würden Sie uns bitte begleiten“, sagte er und sofort ruhte die gesamte Aufmerksamkeit des Hörsaals auf ihr.
Langsam sah sie ihn an und erkannte nur professionelle Neutralität in dem Gesicht des Mannes. Er hatte sie offiziell angeredet, nicht Rekrut Beck wie es die Offiziere sonst taten wenn sie etwas von den Rekruten wollten. Die beiden Marineinfanteristen waren auf respektvollen Abstand herangerückt. Sie speicherte den Test in seinem jetzigen Zustand und schaltete ihr Terminal aus, bevor sie damit in der Hand aufstand und sich an ihren Kommilitonen vorbei zur Treppe durchdrängelte. Die Spannung im Raum war greifbar und sie fühlte sich als müsste sie sich übergeben. Instinktiv wünschte sie sich Rabbit an ihre Seite. Sie wusste gar nicht genau warum es ausgerechnet er war der in ihrem unterbewussten Hilferuf auftauchte, aber sie hatte das Gefühl es würde leichter werden wenn er hier wäre. Hatte sie sich letzten Endes etwa in den tollpatschigen Terraner verknallt? Alle sahen ihr dabei zu wie sie dem Offizier die Treppe hinauf folgte, den Kopf schuldbewusst gesenkt, ihr Terminal fest an sich gepresst. Keine Ordnung in ihren Gedanken, sie dachte an alles mögliche, es stürmte einfach auf sie ein. Sie bewunderte ihre Freunde dafür das sie in der Lage waren ihre Gedanken zu ordnen, erzählten sie zumindest immer. Ihr wollte nichts dergleichen gelingen. Als sie durch die Tür schritt hörte sie ihren Dozenten noch die anderen Rekruten zur Arbeit antreiben.
Sie straffte sich als der Offizier sie in das Büro ihres Dozenten führte, irgendetwas stimmte nicht. Erst jetzt viel ihr auf das der Offizier keine Akademieuniform trug, wie ihr Dozent etwa. Er trug eine Uniform der regulären Flotte. Als sie mitten in dem Büro stand, die beiden Marineinfanteristen hinter ihr, links und rechts neben der Tür, der Offizier direkt vor ihr, traute sie ihren Augen kaum als alle drei vor ihr salutierten.
„Frau Beck, wir haben Ihnen eine traurige Mitteilung zu machen. Es ist meine traurige Pflicht Sie darüber zu informieren das heute, vor 22 Stunden, ein terranisches Kommando das System Cassilla angegriffen hat. Das Kreuzfahrtschiff mit ihrer Familie an Bord ist bei diesem Angriff verloren gegangen.“
Sie schlug eine Hand vor den Mund, die Augen weit aufgerissen.
„Es ist vor fünf Stunden gelungen die Zerstörung des Schiffes zu bestätigen. Nach unseren bisherigen Informationen hat der Feind keine Überlebenden zurückgelassen. Es tut mir leid, wir vermuten ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder wurden bei dem Angriff getötet“, fuhr er fort.
Er sprach mit sanfter Stimme, ohne sie zu senken, doch Hadda hörte ihn kaum noch. Sie traute sich nicht zu blinzeln, trotz der Tränen die sich in ihren Augen sammelten und ihre Sicht verschleierten.

„Ihr Onkel wurde ebenfalls informiert. Die Flotte wird sich um die Formalitäten kümmern. Sie werden für die nächsten drei Trage frei gestellt, der medizinische Dienst kann Ihnen einen Psychiater zur Seite stellen der Ihnen bei der Verarbeitung hilft.“
Die ersten Tränen liefen ihre Wangen hinunter und noch immer stand sie stock steif da, unfähig das gesagte zu begreifen. Kein Gedanke regte sich mehr in ihrem Geist, nicht das geringste Geräusch. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich leer und geräuschlos.
„Es wird eine Bekanntmachung über das Ereignis geben, die Erwähnung ihrer Familie wurde aus dieser Bekanntmachung allerdings entfernt. Sollten Sie Hilfe benötigen können Sie sich jederzeit an das Flottenkommando wenden. Es tut mir leid“, sagte er noch einmal bevor er und die beiden Marineinfanteristen erneut vor ihr salutierten und sie dann allein ließen.
Sie hatte die Hand vor ihrem Mund geschlossen und presste ihre Finger auf ihre Lippen in der Hoffnung das furchtbare Zittern ihres Kiefers irgendwie unter Kontrolle zu kriegen. Verzweifelt suchte ihr Verstand nach irgendeinem Fetzen eines Gedanken, irgendetwas an dem sie sich jetzt festhalten konnte, doch alles was ihr einfiel waren Erinnerungen von ihrer Familie. Wie Gift sickerte die Erkenntnis in ihren Verstand das sie niemals wieder da sein würden, das sie für immer weg waren. Hilfe suchend sah sie sich in dem vertrauten Büro um, doch alles wirkte auf einmal grau und leblos, wo sie vorher eine vertraute Umgebung gesehen hatte. Mehrmals drehte sie sich im Kreis, während immer mehr Bilder aus ihrer Erinnerung vor ihr aufstiegen, wie sie mit ihrem Bruder lachte, mit ihrer Mutter stritt, mit ihrem Vater lernte. Das war von ihnen geblieben, ihre Erinnerungen. Ihre Knie gaben unter ihr Nach, sie lies das Terminal achtlos zu Boden fallen.
Die Arme um die Taille geschlungen hockte sie mitten in dem Büro ihres Dozenten und versuchte irgendwie den Druck zu lindern. Er war ganz langsam gekommen, hatte sich an sie heran geschlichen, erst wie ein Gefühl des Unwohlseins, hatte er sich mehr und mehr in ihr ausgebreitet. Ein Schmerz wie sie ihn noch nie erlebt hatte, gepaart mit einer grausamen Furcht und alle stürzte auf sie ein, erdrückte sie, nahm ihr die Luft zum atmen, saugte alles warme, schöne und gute aus ihr heraus.
Das Schlimmste aber war, sie war allein. Ihr bester Freund war irgendwo auf einer geheimen Mission, wie ihr Onkel. Sie war allein. Und nichts im Universum würde daran jemals wieder etwas ändern.

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